Wie ein Handwerksbetrieb in einer Region mit Fachkräftemangel mehr gute Bewerbungen bekommt als benötigt

Interview mit Merle Sandersfeld-Kelm vom 10.01.2018

von Gwendolyn Stoye


Zitate

„Wir sind wie eine große Familie, die den Sandersfeld-Spirit in sich trägt“

„Es ist für uns selbstverständlich familienfreundlich zu sein“

„Strukturen sind die Basis für langfristig Gewinne und die besten Mitarbeiter“

„Mit den Rahmenbedingungen, die wir haben, holen wir das Beste raus.“


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Der Firmensitz im Nüttermoorer Sieltief begrüßt mich mit dem Slogan „Haus der Sicherheit“. Am Empfang sitzen zwei Frauen. Ich werde freundlich angelächelt und begrüßt. Später erfahre ich, dass sich vier Frauen den Arbeitsplatz familienfreundlich teilen, damit der Empfang auch nachmittags besetzt ist. „Bitte warten Sie kurz, Frau Sandersfeld-Kelm ist gleich da“. Auf dem Tisch liegen zwei große Pressemappen. Ich blättere durch und stoße sofort auf verschiedene Artikel zum Thema Familienfreundlichkeit. Ein familienfreundlicher Arbeitgeber zu sein scheint hier schon länger auf der Agenda zu stehen.

Die Geschäftsführerin Merle Sandersfeld-Kelm begrüßt mich im 2. Stock. Eine attraktive blonde Frau im Alter von 31 Jahren, die gerne lächelt. Sofort kommen wir ins Gespräch. Sie ist selbst Mutter und hatte eine kurze Nacht hinter sich. „Mit der wenigen Zeit musste ich erst Mal lernen umzugehen. Zwischen Krippe und Arbeit mache ich heute das, was ich früher in 60 Stunden abgearbeitet habe. „Dafür musste ich mich komplett neu erfinden und ganz anders organisieren“, sie lacht. „Aber es macht Spaß. Und durch meinen Sohn habe ich zu einer ganz neuen Work-Life-Balance gefunden.“

Ein Thema, das durch die Geschäftsführerin Einzug in das Unternehmen Sandersfeld gefunden hat. „Vor 10 Jahren haben sich manche Mitarbeiterinnen noch genau überlegt, ob sie Kinder bekommen. Es war eigentlich nur möglich wieder Vollzeit einzusteigen. Und das ist mit einem Kind nicht wirklich möglich oder gewollt.“ Sie spricht vom Bereich der Technik. Mitarbeiter, die bei den Kunden vor Ort die Anlagen montieren. Früher war es so, dass morgens die Besprechung war und dann die Mitarbeiter zum Kunden gefahren sind. Jeder hat alles gemacht. Halt so lange, bis es fertig war. Keine Chance für Teilzeit. „Worüber reden wir eigentlich. Nur weil eine Frau schwanger wird ist sie doch nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Durch ihre langjährige Erfahrung ist sie doch sehr wertvoll und ich habe ein Interesse sie zu behalten“. Ein neues System musste her. Doch vorher musste erst einmal ein Umdenken her. Und das war gar nicht selbstverständlich.

In der Geschäftsleitung bei der Sandersfeld Gruppe wurden alle Bereiche zwischen 4 Geschäftsführern aufgeteilt. Merle Sandersfeld-Kelm ist für alle kaufmännischen strategischen Bereiche in der Geschäftsleitung zuständig. Management, Marketing und für die 130 Mitarbeiter. Zur Unterstützung hat sie Assistentinnen eingestellt und ist neue Wege gegangen. Dabei stößt sie mit ihren Ideen und Vorgehen in der Geschäftsleitung nicht immer sofort auf Begeisterung. „Die beste und qualifizierteste Bewerbung als Human Ressources Assistenz war von einer Mutter mit 3 Kindern aus Oldenburg. Die musste ich mir einfach ansehen. Sie war die Beste.“ Trotz Gegenwehr hat sich Sandersfeld-Kelm durchgesetzt. Die Arbeitszeiten sind leicht angepasst worden. Ein internes Projekttool wurde eingeführt. „Sie stellt mittags ihre Ergebnisse in das System ein und ich schaue es mir abends zu Hause an. Das klappt wunderbar und in weniger Zeit schafft sie mehr als andere in der gleichen Zeit“, strahlt sie.

Es geht um viel mehr als Familienfreundlichkeit. Das ganze Arbeitsleben verändert sich gerade. Das Thema Work-Life-Balance ist gerade den jungen Mitarbeitern wichtig. Wir digitalisieren, schaffen Arbeitskreise und denken über viel weitgreifender Maßnahmen nach, um allen Mitarbeitern ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen. Mit den Rahmenbedingungen die sie hat, versucht sie das Beste rauszuholen. Natürlich gibt es dabei auch Grenzen.

Eins liegt für Sandersfeld-Kelm auf der Hand. Die Stärke liegt in klar definierten Prozessen, Strukturen und einer transparenten Kommunikation. Regelmäßige Arbeitskreismeetings, Abteilungsleitertreffen oder allgemeine Feedbackgespräche gehören zum System. Und genau das ist die Stärke. „Ich weiß heute schon, ob ich in einem halben Jahr einen neuen Mitarbeiter im Empfang brauche, einen Azubi oder einen Techniker. Ich kann frühzeitig Ersatz beschaffen oder umstrukturieren.“ Sie setzt auf das Know-how der Mitarbeiter. So wechselt eine Mitarbeiterin schon mal vom Hausnotruf in die Buchhaltung – Stichwort Job Rotation. „Es kostet doch mehr neue Mitarbeiter zu suchen und einzuarbeiten als einen fähigen und motivierten Mitarbeiter zu behalten.“

Und es lohnt sich. Die Umsätze sind gestiegen. Auf jede Stelle hat der Handwerksbetrieb viele Bewerbungen ohne Anzeigen zu schalten. 95 % der Bewerbungen gehen mittlerweile digital ein. Gerade aktuell im Dezember 100 Bewerbungen für die Ausbildung 2018. 50% mehr Bewerbungen als noch vor acht Jahren. Und das in Zeiten des Fachkräftemangels.

„Wir müssen sexy bleiben“, so das Credo von Sandersfeld-Kelm. Im Dezember gab es ein Nikolaus-Event für die Mitarbeiter und ihre Familien. Kommunikation mit den Mitarbeitern ist wichtig. Ideen von den Mitarbeitern aufzugreifen und umzusetzen ist ihr Anspruch. Jede Veränderung wird als Chance gesehen.„Das Siegel ist für uns ein Symbol um aufzuzeigen, dass auch mittelständische Unternehmen, ohne die Gehälter in der Industrie zahlen zu können, wettbewerbsfähig und attraktiv für Mitarbeiter sein können“. Doch noch mehr freut sie sich über die Anerkennung Ihrer Mitarbeiter. „Zu Weihnachten gab es persönliche Wertschätzungen der Mitarbeiter. „Das ist der beste Lohn für meine Mühen.“

- We are family - könnte ich zusammenfassend in einem Satz über die Mitarbeiterpolitik bei Sandersfeld sagen.